Eine wahnwitzige Premiere
Quelle: Verdener-Aller-Zeitung vom 13.08.2025
Völlig zu Recht werden „Neurosige Tieden“ auf der Freilichtbühne Daverden vom Publikum gefeiert.

„So eine volle Premiere hatten wir lange nicht“, meinte Katrin Lange-Spreckels am Sonntagabend. Die Regisseurin der Freilichtbühne Daverden sah angesichts der sich stetig füllenden Zuschauerreihen durchaus zufrieden aus. Aber sollte da eine gewisse Nervosität mitschwingen? Wenn schon, das wäre zum Auftakt der plattdeutschen Saison ja wohl absolut normal und verständlich. „Neurosige Tieden“ von Winnie Abel haben sich die Daverdener ausgesucht – und damit voll ins Schwarze getroffen.
„Ist mal etwas anderes“, meinte dann auch ein Zuschauer in der Pause nach dem ersten Akt. „Neurosige Tieden“ spielt nämlich nicht auf dem Lande, sondern in der halboffenen Wohngruppe einer psychiatrischen Klinik, einer „Klapse“, wie es dann öfter mal im Stück heißt. Hier ist bei den „Bekloppten“ so ziemlich alles versammelt: das Muttersöhnchen voller Angst (Uwe Behrmann), der manisch-depressive Maler (Lars Lorenzen), der Ex-Finanzbeamte mit dem Putzwahn (Peter Hellwinkel), die verurteilte und hoffnungslos verliebte Stalkerin (Kathi Back) sowie obendrauf noch die sexsüchtige junge Frau aus der Hoteldynastie Adolon (Mieke Penczek).
Letztere hat ihrer Familie bislang gekonnt verschwiegen, dass sie zwangsweise in einer gewissen Einrichtung in Behandlung ist. Und dann sagt sich Mutter Alice (Karin Sievers) zu Besuch an. In drei Akten versuchen nun die Insassen der feinen Frau Mama vorzuspielen, ihre Tochter lebe in einer Villa, und zwar samt Lebensgefährten und Personal.

In der Folge nehmen das Stück und die Darstellenden auf der Daverdener Freilichtbühne nur einen ganz kurzen Anlauf und setzen ein in jeder Beziehung wahnwitziges Verwechslungsspiel in Gang. Was folgt sind drei Akte bester plattdeutscher Boulevardkomödie. Ja, auch mit ein paar Flachwitzen, aber noch mehr mit Wortwitz und Komik, die sich aus uralten Komödienthemen speist: Sex, Tod und Fäkalhumor. Letzteres aber nur ein einziges Mal und das auch noch ebenso herrlich hysterisch wie schon fast dezent in Szene gesetzt.
„Neurosige Tieden“ in Daverden ist politisch ganz gewiss nicht korrekt. Aber: Winnie Abel und das Daverdener Ensemble wissen wo die Grenzen sind, an deren Ränder sie in der Premiere mit einer unglaublichen Begeisterung gehen. Obendrauf kommt noch ein ordentliches Häubchen Klamauk, nicht nur wenn der Beschäftigungstherapeut (Volker Penczek) über die Bühne hüpft und therapiert.
Äußerst unterhaltsam wird auch die Tuppertante Herta (Heike Schmidt als Krankheitsvertretung für Heike Ertel) zumindest zeitweise ins Reich der Toten befördert – und als Requisite am Aktende abgetragen, um beim nächsten Akt wieder platziert zu werden. In Daverden lässt man seine Bühnenleichen eben nicht rumliegen. Die Klapsmühlenchefin Dr. Dr. Schanz wird regulär von Heike Schmidt gespielt. Dazu kommt Schlagerstar Hardi Hummer (Willem Gohde), das vermeintliche Stalkingopfer.
Eine Nacherzählung des galoppierenden Wahnwitzes auf der Bühne lassen wir hier mal bleiben. Allerdings fragte sich der begeisterte Betrachter nach dem Ende des zweiten Aktes mit einer bemerkenswerten Verfolgungsjagd auf der Bühne: „Was bitte soll jetzt noch kommen?“ Die kurze Antwort: der dritte Akt, seines Zeichens ein äußerst unterhaltsamer. Es gibt viel zu lachen fürs Publikum in „Neurosige Tieden“, wer will, der kann auch über alles hinweglachen. Oder es blitzen zumindest Gedanken auf wie: Wer sind hier jetzt eigentlich die Bekloppten? Wie auch immer, natürlich haben „Neurosige Tieden“ ein glückliches Ende, auch wenn niemand heiraten wird.
Nach der vom Publikum umjubelten Premiere waren nicht nur strahlende Schauspieler zu sehen, sondern auch eine äußerst zufriedene und glückliche Regisseurin. „Auf den Punkt. Alles ganz genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte“, so Katrin Lange-Spreckels.
Dem sind nur noch die weiteren Theatertermine anzufügen: heute am 13. August wird um 20 Uhr gespielt sowie am 15., 16., 20. und 23. August ebenfalls um 20 Uhr. Am Sonntag, 17. August, wird um 11 Uhr und am 24. August um 18 Uhr gespielt. Karten gibt es im Vorverkauf über die Homepage freilichtbuehne-daverden.de oder eine E-Mail an info@freilichtbuehne-daverden.de sowie unter der Mobilnummer 0163 / 2198865.